| |
|
 Jenseits der Wälder - Die Sachsen in Siebenbürgen

Seit gut 850 Jahren leben deutschsprachige Bevölkerungsgruppen bereits in Siebenbürgern. Freunden schauerlicher Vampirgeschichten ist die Region im heutigen Rumänien auch unter der Bezeichnung Transsilvanien bekannt. Dem Blutsauger Dracula bot das Land „jenseits der Wälder" abwechslungsreiche Kost, siedelten hier doch seit je her verschiedenste Stämme und Völker. Um auf den Spuren der deutschen Minderheit in Transsilvanien zu wandeln, hat die Junge Europäische Bewegung auf ihrer Rumänienreise im Sommer 2011 auch einen Abstecher nach Brașov /Kronstadt unternommen und den Siebenbürger Sachsen einen Besuch abgestattet. Ein Portrait von Marco Schwarz.



Gemächlich durchquert unser Zug die Karpaten und pflügt sich durch das Meer an Nadelbäumen beiderseits der Strecke, die durch ein lang gezogenes Tal die Walachei mit Siebenbürgen verbindet. Im Schritttempo überfahren wir schmale Brücken und passieren anmutige Felsvorsprünge, auf denen sattgrüne Tannen sprießen. Die rumänischen Wälder sind eine Augenweide nach der wenig abwechslungsreichen und tristen Landschaft zwischen Bukarest und den Ausläufern der Südkarpaten. Wie eine Schlange streift sich unser Zug die Hektik und den Trubel der Hauptstadt auf dem Weg nach Siebenbürgen ab. Die Hitze des Balkans wird von der Wand an Bäumen abgehalten und die heißen 35 Grad im sonnenbeschienenen Bukarest weichen angenehmen 20 und leichtem Nieselregen in Kronstadt, rumänisch Brașov. Nach dreieinhalbstündiger Fahrt mit einem von der Deutschen Bahn ausgemustertem IC haben wir jenseits der Wälder am Fuß der Karpaten eine der größten und ältesten Städte Siebenbürgens erreicht.
Bereits im 13. Jahrhundert nutzen Mongolen die Pässe für ihren Einfall in das Karpatenbecken, das sich von den Wäldern bis Budapest erstreckt. Damals verhinderte nur der plötzliche Tod des Sohnes und Nachfolgers des berüchtigten Dschingis Khan die Eroberung weiter Teile Europas. So schnell, wie sie gekommen waren, machten sich die unaufhaltsamen Reiter wieder auf den Rückweg nach Asien, um in den Kampf um die Thronfolge einzutreten. Auch in den folgenden Jahrhunderten boten die Karpatenwälder keinen ausreichenden Schutz vor Eroberungsfeldzügen, weshalb die Siebenbürger damit begannen, Ihre Kirchen und größeren Ortschaften zu befestigen und zu Rückzugs- und Verteidigungsbastionen auszubauen. 

Corona – Kronstadt - Brașov
Von der alten Befestigungsanlage Kronstadts ist noch nichts zu sehen, als wir an einem Nachmittag im August den Bahnhof erreichen, nachdem sich der Zug durch die wenig ansehnlichen Plattenbauvororte aus der Ceaușescu-Zeit geschoben hat. Die Taxifahrt in die Innenstadt ähnelt einer Zeitreise in die Vergangenheit. Vorbei an Betonklötzen aus dem 20. Jahrhundert passieren wir in Richtung Zentrum das in den 1930ern errichtete Luxushotel Aro Palace, sehen neoklassizistische Prachtbauten aus der k.u.k Zeit, durchfahren ein nicht mehr vorhandenes Stadttor und landen schließlich auf dem Marktplatz mit dem freistehenden Rathaus aus dem Mittelalter. Blickfang im Zentrum ist aber die gotische Schwarze Kirche, deren rußgeschwärzte Mauern nach einem Brand 1689 namensgebend für das Gotteshaus wurden. Wuchtig hebt sich der Sakralbau mit seinem zu kurz geratenem Turm von den niedrigen Häusern der Altstadt ab und macht klar, wer über Jahrhunderte hier das Sagen hatte.
Zu Beginn des 13. Jahrhunderts wurden Ritter des Deutschen Ordens vom ungarischen König nach Siebenbürgen gerufen, um die südöstlichste Grenze seines Reiches, das Burzenland, zu sichern und Heiden zu missionieren. Nach wenigen Jahrzehnten wurde der Deutschritterorden wieder vertrieben, da er allzu selbstbewusst seine Macht auszubauen versuchte. Die Ruine der Marienburg zeugt noch heute von diesem ersten Versuch, sich neues Territorium und Macht einzuverleiben (was später an der Ostsee und im Baltikum gelingen sollte, wo die berühmte zweite Marienburg in der Nähe von Danzig errichtet wurde). Auch die Gründung von Kronstadt, lateinisch Corona, geht auf den Deutschen Orden zurück.
Bereits einige Jahrzehnte zuvor kamen Mitte des 12. Jahrhunderts Siedler aus dem Mosel- und Rheingebiet sowie aus Flandern, Wallonien und Luxemburg nach Siebenbürgen. Auf Geheiß des ungarischen Regenten durften sie sich auf so genanntem Königsboden niederlassen und genossen einige Privilegien, die sie über die Jahrhunderte hegten und pflegten. Mit den Sachsen im heutigen Ostdeutschland haben die Siebenbürger Sachsen zwar nichts zu tun, dennoch setzte sich die lateinische Bezeichnung Saxones schon im 13. Jahrhundert durch. Damit wurden von den ungarischen Kanzleischreibern einfach alle Siedler bedacht, die aus deutschsprachigen Gebieten einwanderten.


Auf unserer von einer Siebenbürger Sächsin geführten Tour durch die Altstadt wird das ehemals deutsche Kronstadt vor unseren Augen wieder lebendig. In der Straße der Republik, heute wie damals Flaniermeile, präsentieren sich die alten Prachtbauten des Kronstädter Bürgertums, das viel wert auf repräsentatives Wohnen legte. Bei der heute leer stehenden Stadtvilla der einstigen Bürgermeisterfamilie Hirscher bröckelt zwar der Putz von den rosafarbenen Wänden, man kann sich aber gut vorstellen, wie dort anno dazumal die Herrschaften residierten.
Zu vielen weiteren eleganten Bürgerhäusern, die trotz Denkmalschutz verfallen, weiß unsere kundige Führerin die eine oder andere Anekdote zu erzählen. Vom schwarzen und weißen Turm der historischen Stadtmauer genießen wir die schöne Aussicht über die Dächer der Altstadt, die scheinbar seit dem Mittelalter unverändert geblieben ist. Entlang der Befestigungsanlage plätschert ein Bach talwärts, gegenüber ragen die Karpaten mehrere hundert Meter steil in die Höhe. In großen weißen Lettern hebt sich am fast 1000 Meter hohen Gipfel der Name der Stadt von den grünen Baumwipfeln ab. Wo heute Brașov in Hollywood-Manier prangt, wurde in den 1950er Jahren Orașul Stalin, zu Deutsch Stalinstadt, kunstvoll in den Wald gefräst. Vom Gipfel kann man den Blick über Siebenbürgen und die pannonische Tiefebene bis nach Ungarn schweifen lassen.
Von dort oben erscheinen die Menschen, Autos und Häuser in der Stadt wie Modelle einer Spielzeugeisenbahnlandschaft. Nur die massive Schwarze Kirche ragt aus der Altstadt hervor. Vor dem weithin sichtbaren Wahrzeichen Kronstadts, dem größten gotischen Gotteshaus östlich von Wien, steht eine Statue des humanistischen Gelehrten Johannes Honterus (1498- 1549), der mit seinem Reformationsbüchlein den Protestantismus in Siebenbürgen verankerte. Im Innern der Schwarzen Kirche fallen die zahlreichen orientalischen Teppiche ins Auge, außerhalb der Türkei die größte Sammlung Europas. Die Stunde schlägt den Kronstädtern eine sechs Tonnen schwere Kirchenglocke. Die Orgeln wurden von der Berliner Orgelbauerfamilie Buchholz im 19. Jahrhundert konstruiert und erfreuen noch heute Einheimische wie Touristen auf den regelmäßig stattfinden Konzerten. 

Täter & Opfer – Der Zweite Weltkrieg in Siebenbürgen
Im Pfarrhaus gegenüber der Kirche treffen wir einen Pfarrer und die Kuratorin der evangelischen Honterusgemeinde zu einem Gespräch über die Rolle der Kirche für die Siebenbürger Sachsen. Gottesdienste für die gut 1000 Gemeindemitglieder finden nur in deutscher Sprache statt. Wer einer Predigt auf Rumänisch lauschen will, muss eine der zahlreichen orthodoxen Kirchen aufsuchen. Lutheraner und Orthodoxe treten nicht in den Wettbewerb um die Gläubigen – ein Zeichen der friedlichen Koexistenz der beiden Kirchen und Bevölkerungsgruppen.
Dass Rumänen und Deutsche nicht immer friedlich zusammenlebten, machen die Ereignisse im und nach dem Zweiten Weltkrieg klar. Zunächst in einem Bündnis mit dem nationalsozialistischen Deutschen Reich in Waffenbruderschaft vereint, wechselte Rumänien angesichts der näher rückenden Roten Armee am 23. August 1944 die Seiten und erklärte Hitlerdeutschland den Krieg. Die Sachsen im nördlichen Siebenbürgen, das zu dieser Zeit zu Ungarn gehörte, flohen daraufhin ins Reich. Im rumänischen Süd-Siebenbürgen und im Banat wurden die Deutschen festgesetzt und später zu zehntausenden in die Sowjetunion deportiert (was die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller in ihrem Roman Atemschaukel eindrucksvoll schildert).
Der Gefangenschaft und Zwangsarbeit in sowjetischen Lagern gingen freilich die Verbrechen der Deutschen Wehrmacht und der Waffen-SS, in die viele Siebenbürger Sachsen eingezogen worden waren, voraus. Die eigenen Verfehlungen werden offensichtlich hinten angestellt, wenn man auf diese Zeit zu sprechen kommt. Bevor man sich die eigene Schuld eingesteht, wird darauf verwiesen, welches Schicksal die deutsche Minderheit nach dem Zweiten Weltkrieg zu erdulden hatte. Eine Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit scheint noch nicht besonders weit gediehen zu sein, lieber sieht man sich in der Opferrolle. Die Begeisterung für den Nationalsozialismus kann dabei gerade in Kronstadt nicht gering ausgefallen sein: „Die sächsische Innenstadt von Kronstadt, intra muros, um die Schwarze Kirche und das barocke Rathaus gelagert, […] schien zur Stunde ausschließlich von deutschen Volksgenossen bevölkert zu sein. Überall, über allem wehten Hakenkreuzfahnen, nicht anders als in Nürnberg oder Quedlinburg. […] Fast jedes Haus war geschmückt mit der deutschen Reichsflagge“, schreibt Eginald Schlattner in seiner bekannten Erzählung Der geköpfte Hahn. Auch vor Antisemitismus waren die Siebenbürger Sachsen nicht gefeit: „In der Geschäftswelt in Kronstadt wusste man genau, was man sich als Deutscher schuldig war und wo der Feind stand: In den Auslagen oder an den Eingangstüren hingen Täfelchen, auf denen in gezierter gotischer Schrift zu lesen war: Juden unerwünscht.“
Andere Bevölkerungsgruppen waren bereits in den Jahrhunderten zuvor unerwünscht. Im Mittelalter hatten Rumänen und Ungarn kein Recht, innerhalb der Stadtmauer zu leben, wenngleich sie zum Arbeiten und Handeln die Stadt betreten durften. Westlich der Stadtgrenze entstand so das historische Viertel der Rumänen namens Schei, wo einst die Ärmsten Bewohner Brașovs wohnten. Dort ist eine der ältesten orthodoxen Kirchen Siebenbürgens zu finden, und auch die erste rumänisch-sprachige Schule wurde 1495 im Schei gegründet. Ein paar Straßen weiter schieben sich die Häuser die Karpatenausläufer hoch, enge und verwinkelte Gassen, schmale und schiefe Treppen zeigen das Bild einer wenig planvollen Stadtentwicklung.

 | 
|  Wappen der Siebenbürger Sachsen
|

Ungewisse Zukunft - Finis Saxoniae?
Ganz in der Nähe der Poarta Schei, des Tors in die innere Stadt, steht außerhalb der historischen Stadtmauern das Haus des Demokratischen Forums der Deutschen in Kronstadt. Das Forum wurde nach dem Sturz Ceaușescu 1989 gegründet und hat sich zum Ziel gesetzt, die politischen Interessen der Rumäniendeutschen zu vertreten, wie uns der Vorsitzende Wolfgang Wittstock erläutert. Er selbst saß als Vertreter der deutschen Minderheit viele Jahre im rumänischen Parlament in Bukarest und ist mit einer Rumänin verheiratet. Als Rumäne möchte er aber nicht bezeichnet werden, vielmehr sieht er sich als Deutscher rumänischer Staatsangehörigkeit. Christine Chiriac vom Jugendforum hat weniger Probleme mit dieser Zuschreibung. Sie hat einen rumänischen Großvater und eine deutsche Großmutter. Wegen der Hochzeit mit einem Rumänen wurde diese aus der Gemeinde der Siebenbürger Sachsen ausgeschlossen und als Volksverräterin gebrandmarkt. Wie schon die Großmutter betrachtet sich auch die Enkelin als Europäerin. (Über ihre deutsch-rumänische Identität hat Christine Chiriac einen sehr persönlichen und eindrucksvollen Blog-Beitrag geschrieben.
Im Gegensatz zu vielen anderen Siebenbürger Sachsen, sind die Wittstocks und Chriracs nach der Revolution von 1989 in Rumänien geblieben. Allein 1990 verließen mehr als 100.000 Deutsche das Land und machten sich auf, im wiedervereinigten Deutschland eine neue Heimat zu finden. Schon in den Jahrzehnten vor der Wende konnten zehntausende Angehörige der deutschen Minderheit in die Bundesrepublik ausreisen, wofür Ceaușescu satte Prämien erhielt. Nach Enteignung, Zwangskollektivierung und politischer wie kultureller Unterdrückung sahen viele Sachsen auch nach der Wende keine Chance mehr auf einen Neuanfang in ihrem Heimatland. Die Verlockungen des Westens taten ihr Übriges. Im Spätsommer 2011 haben die verbliebenen Siebenbürger Sachsen in Kronstadt die erste urkundliche Erwähnung des Burzenlandes vor 800 Jahren gefeiert. Von mehreren tausend Siedlern wuchs ihre Zahl über die Jahrhunderte auf 300.000 an, um heute wieder bei einigen tausend zu liegen.
Die Zukunft der Sachsen in Siebenbürgen ist ungewiss. Ob in 50 Jahren „jenseits der Wälder“ noch deutsch gesprochen wird, vermag niemand zu sagen. Vielleicht erinnern eines Tages nur noch die mittelalterlichen Befestigungsanlagen und Wehrkirchen an die Siebenbürger Sachsen. Eine Rückkehr zum Glanz der alten Tage wird es mit Sicherheit nicht geben. Es liegt nun an der jungen Generation, das kulturelle Erbe Siebenbürgens, wo Deutsche, Rumänen und Ungarn über Jahrhunderte friedlich zusammenlebten, lebendig zu halten und als Teil der europäischen Geschichte zu bewahren.

 | 
|  Die Junge Europäische Bewegung unterwegs in Siebenbürgen
|






|
|
|